Gründe Pferde getreidefrei zu füttern

Hintergrund getreidefreie Fütterung
Die Vorteile der getreidefreien Fütterung haben sich mittlerweile in vielen Bereichen der Diätetik durchgesetzt. Ob auf Grund von Magenproblemen, Equinem Metabolischen Syndrom (EMS), Cushing (PPID), PSSM oder einer Getreideunverträglichkeit: Immer mehr Pferde werden getreidefrei gefüttert.
Die getreidefreie Fütterung ist prinzipiell für alle Pferde geeignet. Früher wurden insbesondere Pferde mit geringem Leistungsniveau ohne Getreide gefüttert.
Getreidefrei bedeutet den Verzicht auf ganze Getreidekörner, stattdessen wird ein getreidefreies Krippenfutter gefüttert oder nur die ballaststoffreichen, stärkearmen Anteile von Getreidekörnern (z. B. Reiskleie) eingesetzt. Dagegen ist erstmal wenig zu sagen – im Gegenteil – der Verdauungstrakt unserer Pferde ist evolutionsbiologisch auf die Aufnahme energiearmer, rohfaserreicher Kost ausgelegt und nicht auf große Mengen Getreide. Dennoch hat eine getreidefreie Fütterung nicht nur Vorteile und bestimmte Getreidearten haben mit ihrer Stärke als Energieträger, nach wie vor ihre Berechtigung in der Fütterung von Pferden, insbesondere mit höherem Energiebedarf.
Getreide liefert Ihrem Pferd Energie hauptsächlich in Form von Stärke und Zucker. Manche Pferde vertragen allerdings aufgrund einer Stoffwechselerkrankung, wie z. B. EMS, Cushing (PPID) oder einer Muskelerkrankung (z. B. PSSM) Stärke und Zucker nicht gut. Auch magenempfindliche Pferde profitieren in der Regel von einer stärke- und zuckerreduzierten Ration.
Im Folgenden gehen wir auf die „guten Gründe“ und Stoffwechselbesonderheiten von stärke- und zuckerempfindlichen Pferden ein, für die eine getreidefreie Fütterung sinnvoll sein kann.
Stärkeempfindlichkeit
Es gibt sie tatsächlich, die Pferde, die Hafer „heiß“ macht. Und auch die Pferde, die Getreide „pupsig“ und fest in der Lende macht. Der Hinweis bei Krippenfutter „ohne Hafer“ hat sich fast schon als Qualitätsmerkmal etabliert, so gefürchtet ist der Hafer.
Der Hintergrund für das „Heißwerden“ auf Hafer ist simpel: Hafer hat die im Dünndarm des Pferdes am besten verdauliche Stärke. 80 bis über 90% der Haferstärke wird im Dünndarm abgebaut, im Vergleich dazu wird die Stärke von Gerste nur zu 20-35% im Dünndarm abgebaut.
Stärke wird im Dünndarm (das ist der Ort der Stärkeverdauung) zu Zucker abgebaut und gelangt als rascher Energieschub in Form von Glukose in den Blutkreislauf und wird – sofern nicht verbraucht- als Glykogen(die Speicherform der Glukose im Körper) in Muskulatur und Leber gespeichert und steht der Leistung unmittelbar zur Verfügung.
Bei manchen Pferden führt eine hohe Glukosezufuhr via Stärkeabbau tatsächlich zu erhöhten hormonellen Reaktionen, einem Energieschub. vermehrter (Muskel-) Spannung und eben auch zu vom Reiter unerwünschter Reaktion auf Umweltreize.
Ebenso simpel erklärt sich die „Pupsigkeit“ bei Getreidefütterung: gelangt aus dem Dünndarm unabgebaute Stärke in den Dickdarm, kann sie dort nicht mehr durch körpereigene Stärke-Enzyme abgebaut werden, sondern wird von der Darmflora mikrobiell fermentiert. Das belastet das Dickdarmmikrobiom und kann zu Fermentationsumschichtungen führen. Blähungen können die Folge sein.
In der Folge halten sich die Pferde speziell im Rücken fest und tun sich schwer in der Biegung und mit der Losgelassenheit. Sowohl das „Heißwerden“ wie auch Blähungen sind in der Regel aber lediglich Folge einer unpassenden Rationsgestaltung (zu viel dünndarmverdauliche Stärke, oder auch Verfütterung praecaecal schwer abbaubarer Stärke) und könnten durch Anpassen der Fütterung leicht und erfolgreich behoben werden.
Hafer hat sich aufgrund seiner positiven Eigenschaften über viele Jahrhunderte in der Pferdefütterung bewährt, seien es der hohen Spelzenanteil, seine Schleimstoffe, oder eben auch die hohe praecaecale Stärkeverdaulichkeit.
Magenempfindliche Pferde
Eine möglichst stärke- und zuckerreduzierte Fütterung schont den Pferdemagen, so dass für viele magenempfindliche Pferde eine getreidefreie Fütterung sinnvoll sein kann. Dies gilt tatsächlich in ganz besonderem Maße für Pferde mit einer akuten Magenerkrankung.
Hintergrund hierfür ist, dass leichtverdauliche Kohlenhydrate (aus dem Getreide) bereits im drüsenlosen Teil des zweigeteilten Pferdemagens von Bakterien zu Milchsäure und anderen flüchtigen Fettsäuren abgebaut werden. Diese Stoffwechselprodukte können zu Schleimhautschäden im drüsenlosen Teil des Magens führen, wobei u. a. weitere Einflussfaktoren wie z. B. Menge und Krippenfuttergabe eine Rolle spielen.
Die dort befindliche Schleimhaut hat keine Drüsen (kutane Schleimhaut) im Gegensatz zum nachfolgenden Drüsenteil. Deshalb besitzt diese kutane Schleimhaut im drüsenlosen Teil keinerlei Schleim- oder Bicarbonat (Puffer-)barriere. Sie ist auch relativ schwach durchblutet und sie ist nicht für Säureexposition gemacht.
Wenn nun in diesem Magenteil kein oder wenig Raufutter ist, aber schlagartig viel Stärke anflutet, so sinkt der pH-Wert ab (Getreidefütterung löst nur sehr geringe Speichelsekretion aus und Speichel ist aufgrund des hohen Bicarbonatanteils der wesentliche Puffer im Magen!) weil die im drüsenlosen Teil des Magens befindliche Keimflora die Stärke zu kurzkettigen Fettsäuren und Milchsäure vergärt.
Bei niedrigem pH-Wert liegen die flüchtigen Fettsäuren in nicht dissoziierter Form vor und sind lipophil, d.h. sie können die Zellmembran der Schleimhaut durchdringen und es kommt zur Zellschädigung (von Magenschleimhautveränderungen bis hin zu Geschwüren).
Deshalb die wichtige Regel: vor Getreidefütterung immer ausreichend Zeit für Heuaufnahme geben! In der freien Wildbahn nehmen Pferde ständig faserreiche Nahrung auf und dafür ist der Pferdemagen ausgelegt.
Getreide erhöht nicht die Säureproduktion im Drüsenteil des Pferdemagens. Der Drüsenteil produziert ohnehin ständig Säure! Das Problem im Drüsenteil bei getreideintensiver Fütterung entsteht aufgrund geringem Speichelpuffer (kurze Kauzeit bei Getreide), wenig Struktur (Heugrundlage) als Säurebarriere, sowie möglicherweise zudem noch starke Fermentation und niedriger pH-Wert aus dem drüsenlosen Teil des Magens aufgrund von zu hoher Getreidegabe auf leeren Magen.
In der Regel sind Magengeschwüre also kein isoliertes Säureproblem, sondern die Folge einer Kombination aus Säure UND flüchtigen Fettsäuren UND fehlende Schutzmechanismen.
Hohe Einzelgaben von Stärke/Zucker auf insbesondere leeren Magen, feingemahlene Rationen (Pellets), lange Fresspausen, mangelnde Raufutteraufnahme und Speichelbildung, Training mit leerem Magen (Vorschwappen von Magenäure aus dem Drüsenteil auf die schutzlose kutane Schleimhaut im drüsenlosen Magenteil) sind die wesentlichen Zutaten für Magengeschwüre. Und dann natürlich noch Stress, Störung der Schleimbarriere, verminderte Durchblutung und Mikrobiomveränderungen im drüsenlosen Teil.
Pferde mit Magenerkrankungen zumindest vorübergehend getreidefrei zu ernähren, ist deshalb durchaus sinnvoll, insbesondere wenn primär der drüsenlose Teil des Magens betroffen ist. Besonders wichtig ist es aber, die grundlegenden Maßnahmen zur Vermeidung von Magengeschwüren bei Pferden zu beherzigen:
- Ausreichende Raufutteraufnahme insgesamt und ganz besonders vor jeder Krippenfuttermahlzeit
- Fresspausen von mehr als 4 Stunden möglichst vermeiden, auch nachts!
- Kleine Krippenfuttermahlzeiten (nicht mehr als 1 g Stärke pro kg Körpergewicht pro Mahlzeit, eher weniger!) Das entspricht rund 300 g Krippenfutter maximal je 100 kg Körpergewicht.
- Kein Training mit leerem Magen!
- Stressminimierung soweit möglich. Haltung und Training überprüfen, um Stressoren zu identifizieren
Sie sehen: Es ist definitiv zu kurz gesprungen, in der Umstellung auf getreidefreie Fütterung die Lösung aller Magenprobleme zu sehen.
Übergewicht (bis hin zu EMS)

Nicht nur wir Menschen, sondern auch unsere Tiere werden bei kalorienreicher Nahrung und wenig Bewegung dicker. Der Grund ist, dass Pferde längst nicht mehr nur als Arbeitstiere gehalten werden, sondern sie sind in der Regel Sportpferde oder Liebhabertiere.
Sie werden täglich durchschnittlich bis zu einer Stunde bewegt, wovon ca. 20 Minuten Trab und Galopp sind. Das entspricht leichter Arbeit. Ein Pferd mit leichter Arbeit nimmt – je nach Heuqualität – bereits mit 1,7 kg Heu je 100 kg Körpergewicht genügend Energie auf und benötigt in der Regel kein zusätzliches Kraftfutter.
Wird dennoch zusätzlich Kraftfutter gefüttert, Koppelgang ermöglicht oder sehr gehaltvolles Heu gefüttert, nimmt ein Pferd ganz schnell deutlich mehr Energie auf als es für die leichte Arbeit benötigt. Nicht verbrannte Energie wird in Form von Fett (aus evolutionsbiologischer Sicht für nahrungsärmere Zeiten) gespeichert.
Leider ist Körperfett jedoch nicht nur die Speicherform von Energie für schlechtere Zeiten, sondern auch ein endokrines Organ. Das heißt, im Fettgewebe werden Hormone gebildet, die in den Blutkreislauf gelangen.
Zusätzlich kommt es durch starke Fetteinlagerung zu „Stress“ im Fettgewebe und dadurch zu einer dauerhaften leichten Entzündungsreaktion. Die Folgen sind z. B. ein fehlendes Sättigungsgefühl, langsame Wundheilung, Infektanfälligkeit oder die gefürchtete Insulinresistenz.
In diesem Fall sprechen die Zellen schlechter auf das Blutzucker senkende Hormon Insulin an und nehmen somit weniger Glucose auf, der Blutzuckerspiegel bleibt erhöht. Eine vermehrte Insulinausschüttung ist die Folge.
Dieses Zuviel an Insulin im Blut (Hyperinsulinämie) löst schließlich eine Hufrehe aus. Darunter versteht man eine entzündliche Veränderung der kleinen Gefäße der Huflederhaut, welche starke Schmerzen beim Stehen und Laufen verursacht.
Vom Equinen Metabolischen Syndrom spricht man, wenn mindestens 2 der folgenden Symptome vorliegen:
- Adipositas: Fettleibigkeit, Fettpolster häufig an Hals, Schulter, Schweifansatz
- Insulinresistenz: Fehlende Reaktion der Körperzellen auf das Hormon Insulin
- Hufrehe
Übergewichtige Pferde und Pferde, bei denen bereits EMS nachgewiesen wurde, sollten daher aus zwei Gründen zucker- und stärkearm – sprich getreidefrei – gefüttert werden:
1. Zucker kann von betroffenen Pferden schlechter in die Zellen aufgenommen werden, verbleibt im Blut und erhöht den Blutzuckerspiegel. Bei der Verdauung von Getreide flutet im Blut in kurzer Zeit viel Zucker an. Dies erhöht die Ausschüttung von Insulin (Gefahr der Hufrehe).
2. Um Fett abzubauen, muss ein Pferd weniger Energie aufnehmen als es verbrennt. Nach Möglichkeiten sollte daher gänzlich auf energiereiches Kraftfutter verzichtet werden. Da auch getreidefreie Kraftfutter Energie enthalten, sind sie für Pferde mit EMS mitunter genauso ungeeignet und zu energiereich wie die Getreide.
Hinweis: Wie man Hufrehe vermeidet und Pferde gesund abnehmen lässt, haben wir für Sie in unserem Fachbeitrag zu „EMS beim Pferd“ erläutert.
Cushing (PPID)
Cushing (auch Pituitary Pars Intermedia Dysfunction genannt) ist eine Hormonstörung bei Pferden >12 Jahren, bei der eine Hirndrüse mehr Hormone bildet als physiologisch eigentlich vorgesehen ist. Der Grund hierfür ist ein gutartiger Tumor, der vorwiegend bei älteren Pferden auftritt und zu einer gesteigerten Hormonproduktion führt. Eines dieser Hormone ist ACTH (Adrenocorticotropes Hormon), welches zum Nachweis der Erkrankung mittels Blutuntersuchung verwendet wird.
Alle Hormone zusammen führen zum klinischen Bild des Cushing:
- Hypertrichose: Gekräuseltes Fell, verlangsamter Fellwechsel
- Apathie, Lethargie, Schmerzunempfindlichkeit
- Viel Trinken und viel Harn absetzen (Polydipsie, Polyurie)
- Muskelschwund
- Hufrehe
- Wundheilungsstörungen, chronische Infekte
- Fettumverteilung (Pferde wirken schlank mit regionalen Fettpolstern)
Neben weiteren Problemen kann eine Störung im Glukose-Insulin-Stoffwechsel eine weitere Folge sein und deshalb empfiehlt sich auch bei Pferden mit Cushing oftmals vorsichtshalber eine getreidefreie Fütterung umzusetzen und das bedeutet, den Verzicht auf zucker- und stärkereiche Futtermittel. Das betrifft sowohl Getreidesorten, als auch zuckerreiche Heuqualitäten, denn beides kann hier zum Problem werden.
Hinweis: Wie man den Zuckergehalt im Heu senken kann, lesen Sie in unserem Artikel „Heu bedampfen oder wässern“. Wie man alte Pferde mit Cushing richtig füttert, lesen Sie in unserem Artikel „Alte Pferde richtig füttern und managen“.
Polysaccharid-Speicher-Myopathie (PSSM)
PSSM ist eine Form der Rhabdomyolyse (Zerstörung von Muskelzellen), die neben dem klassischen Kreuzverschlag (Feiertagskrankheit), dem wiederkehrenden belastungsinduzierten Kreuzverschlag (RER), der hyperkaliämischen periodischen Paralyse (HYPP) und der atypischen Weidemyopathie steht. Rhabdomyolyse bedeutet, dass vorhandene Muskelzellen zerfallen.
PSSM lässt sich dabei in Typ 1 und 2 einteilen. Bei PSSM 1 lagern sich durch einen Gendefekt (Fehlen der Glykogensynthase 1 (GYS1 Mutation)) abnorme Mengen an Glykogen (Muskelzucker) in den Muskelzellen ab, was zu einer Zerstörung der Zellen führen kann.
Unter PSSM 2 werden wiederum die Muskelerkrankungen zusammengefasst, die nicht der oben genannten GYS1 Mutation zuzuordnen sind, jedoch vergleichbare Muskelschmerzen u. a. Symptome verursachen. Leider lässt sich die Erkrankung nicht heilen. Aber: Durch ein sorgsames Bewegungsmanagement und eine abgestimmte Fütterung lassen sich in vielen Fällen zumindest die Symptome lindern.
Pferde mit PSSM 1 profitieren von einer stärke- und zuckerreduzierten Fütterung. Aber auch bei vielen (wenn auch nicht allen) Pferden mit PSSM 2 können sich die Symptome durch eine getreidefreie Fütterung verbessern.
Hinweis: Alles zum Thema PSSM 1 und 2 lesen Sie in unserem Artikel „PSSM beim Pferd“.
Und jetzt?
Sie sehen es gibt „gute Gründe“, aber auch gesundheitliche Realitäten, die dafür sprechen ein Pferd zeitweise oder dauerhaft getreidefrei zu füttern.
Jedoch ist es in vielen Fällen nicht damit getan kurzerhand auf das Getreide in der Ration zu verzichten, um eine Situationsverbesserung zu erreichen. Der Grund hierfür ist, dass Getreide und insbesondere der Hafer nicht per se „schlecht“ ist, sondern ein wichtiger Lieferant von Mineralstoffen (Phosphor), Zucker für den Energiestoffwechsel und Aminosäuren ist.
Somit ist es in vielen Fällen zu kurz gegriffen, nur auf Getreide zu verzichten, ohne dabei mögliche Konsequenzen zu bedenken. Wir empfehlen Ihnen daher unsere Rationsempfehlung zur getreidefreien Fütterung, um gut vorbereitet die getreidefreie Ration ihres Pferdes zu gestalten.
Produktempfehlungen zum Thema
Quellenverzeichnis:
Georg, R. J., Harris, P. A., Coenen, M. (2013). Equine Applied and Clinical Nutrition. Health, Welfare and Performance. Saunders Elsevier.
Kamphues, J., & Meyer, H. (2014). Supplemente zur Tierernährung: Für Studium und Praxis (12., überarb. Aufl.). Schaper. Hannover.
Meyer, H., Coenen, M. (2014). Pferdefütterung, 5., vollständig überarbeitete Auflage. Enke Verlag. Stuttgart
Vondran, S., Venner, M., & Vervuert, I. (2016). Effects of two alfalfa preparations with different particle sizes on the gastric mucosa in weanlings: alfalfa chaff versus alfalfa pellets. BMC veterinary research, 12(1), 110.





