Energie aus Kraftfutter?!

Roter Eimer mit Futter auf Heuballen
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Bei der Auswahl von Art und Menge des Kraftfutters ist zunächst die Frage zu klären, wie viel und in welcher Disziplin ein Pferd arbeitet. Dressurpferde stellen andere Anforderungen an ihr Kraftfutter als Springpferde. Pferde, die wenig arbeiten, bekommen häufig bereits über ihr Heu ausreichend Energie, so dass die Kraftfuttergabe meist nur auf dem Bedürfnis der Besitzer beruht, ihr Pferd zu füttern und es nicht „hungern“ zu lassen.

Wichtig ist, im Interesse der Gesunderhaltung das Gewicht seines Pferdes im Auge zu behalten und kritisch zu beurteilen, ob das Pferd zu dick oder zu dünn sein könnte. Generell gilt: Das Auge des Besitzers füttert das Pferd. Je nach Rasse (ob Barockpferd oder Vollblüter), Arbeit und individuellem Stoffwechsel kann der Energiebedarf teils erheblich schwanken. Nicht nur unter Menschen gibt es solche, die essen können, was sie wollen und nicht zunehmen und andere, die buchstäblich schon vom Ansehen eines Stückes Kuchen „Hüftgold“ ansetzen.

Die Gesamtmenge an Futter, die ein Pferd täglich aufnehmen kann, ist begrenzt. Wird viel Kraftfutter gefüttert, fressen Pferde häufig weniger Heu. Das sollte besonders bei zu dünnen, magenempfindlichen sowie speziell bei Dressur und Distanzpferden bedacht werden.

Heu

Durchschnittlich enthält 1 kg Heu so viel Energie wie 500 – 700 g Hafer und deckt damit den größten Teil des Energie- und auch Nährstoffbedarfs unserer Pferde. 1 Kilogramm Heu mehr oder weniger macht also für ein Pferd einen großen Unterschied im Energieangebot. Als Naturprodukt unterliegt Heu allerdings leider Schwankungen in Bezug auf sein Nährstoffangebot, dies gilt auch für seinen Energiegehalt. Als Faustregel gilt: Ein grobes strohiges Heu enthält weniger Energie und Nährstoffe als ein blattreicheres Heu.

Bekommt ein Pferd nur grobes Heu, nimmt es aus der gleichen Heumenge erheblich weniger Energie auf, als wenn es blattreicheres, gut strukturiertes Heu bekommen würde. Dementsprechend benötigt ein Pferd bei Verfütterung sehr überständigen, groben Heus mehr Kraftfutter.

Wir empfehlen zum Ausgleich sehr grober Heustruktur eine weitere Quelle für verdauliche Fasern, wie z. B. Heucobs oder Rübenschnitzel (eingeweicht) zu füttern. Denn bekommt die Darmflora zu wenig verdauliche Fasern, kann es zu Verdauungsproblemen wie z. B. Kotwasser, Blähungen und Koliken kommen. Außerdem beobachten wir vermehrt Rittigkeitsprobleme.

Weitere Informationen zu Heu und wie sich einzelne Heusorten unterscheiden, finden Sie unter "Heu für Pferde: Schnittzeitpunkte"

Energiebedarf

Den gesamten Energiebedarf eines Pferdes unterteilt man in Erhaltungsbedarf und zusätzlichen Energiebedarf für Leistung.  

Erhaltungsbedarf ist der Bedarf an Energie, der vom Pferd benötigt wird, um seine Körpertemperatur und lebensnotwendige Funktionen des Körpers (z. B. Kreislauf, Atmung, Futteraufnahme, Darmtätigkeit, Immunsystem) aufrechtzuerhalten sowie noch eine geringe Energiemenge für seine spontane Bewegung. Ein Pferd, dass nur in der Box steht und täglich ein paar Stunden auf einem Paddock steht, benötigt also nur die Energiemenge für Erhaltung.

Der Erhaltungsbedarf an Energie ist abhängig von:

  • Optimalgewicht des Pferdes: Ein Pferd mit 600 kg benötigt mehr Futter als ein Pony mit 300 kg.
  • Pferdetyp: Ein Shetlandpony (leichtfuttrig) hat einen niedrigeren Umsatz an Energie als ein Vollblüter (schwerfuttrig). 
  • Körperkondition: Übergewichtige Pferde haben einen geringeren Energiebedarf für ihre Erhaltung als untergewichtige Pferde.
  • Haltung: Pferde, die in einer Herde auf einer großen Weide stehen, haben einen höheren Energiebedarf als Boxenpferde. Auch Haltung im Offenstall bedingt einen leicht höheren Energiebedarf.
  • Klima: Bei Temperaturen unter 5 °C und über 25 °C steigt für Pferde, die den Temperaturen auch tatsächlich ausgesetzt sind, also nicht eingedeckt sind und keinen wärmeren Unterstand haben, der Energiebedarf leicht an. Kommen zu Kälte auch noch Nässe und Wind hinzu, steigt der Energiebedarf noch etwas mehr (rd. 10 – 30 % bei extremer Witterung).

Metabolische Körpermasse und Futtrigkeit

Metabolische Körpermasse

Der Energiebedarf wird mit Hilfe der metabolischen Körpermasse berechnet. Was versteht man darunter? Ein Beispiel: Stellen Sie mal gedanklich ein Percheron auf eine Waage. Das gute Tier wiegt locker 700 kg. Danach stellen Sie sieben Shetlandponys auf die Waage. Auch die „Sieben Zwerge“ bringen 700 kg auf die Waage. Haben das Percheron und die süße Ponytruppe in Summe denselben Energiebedarf? Nein. Woran liegt das? An ihrer Körperoberfläche. Denn über die Körperoberfläche verliert ein Tier nicht unwesentlich z. B. Wärmeenergie, die ebenfalls über die Nahrung erst einmal aufgenommen werden muss. Je größer also die Körperoberfläche ist, desto größer ist die Energie je Kilogramm, die der Körper umsetzen muss, um seine Körperinnentemperatur und sein Gewicht konstant halten zu können. Dass die Körperoberfläche der „Sieben Shetty Zwerge“ größer ist als die des Percheron Pferdes merken, Sie spätestens dann, wenn Sie alle 7 Shettys putzen müssen. Da ist so ein einzelnes Percheron schneller geputzt, weil seine Körperoberfläche bei vergleichbarem Gewicht deutlich kleiner ist. Aufgrund dieser Unterschiede berücksichtigt die metabolische Körpermasse nicht nur das Gewicht des Tieres, sondern auch seine Oberfläche. Mathematisch drückt man das aus als „kg0,75“ (sprich Kilogramm mit dem Exponenten 0,75).

Das heißt, nimmt man die metabolische Körpermasse eines 600 kg schweren Pferdes, so beträgt diese 6000,75 = 121,23 kg metabolische Körpermasse. Und multipliziert man diese mit dem Faktor 0,52 (Erhaltungsbedarf an Energie für ein Warmblutpferd, Tabelle 1), dann kann man den Erhaltungsbedarf für umsetzbare Energie (kurz ME, anzugeben in Megajoule MJ) wie folgt errechnen:

Beispiel:

Pferd: Gewicht 600 kg, metabolische Körpermasse 121,23 kg

Energiebedarf je kg metabolischer Körpermasse (MJ/kg KM0,75): 0,52

Ergebnis tägl. Energiebedarf für Erhaltung:
0,52 MJ x 6000,75 kg= 0,52 MJ x 121,23 = 63 MJ ME

Tabelle 1: Futtrigkeit verschiedener Pferderassen
(ausgedrückt als Erhaltungsbedarf an umsetzbarer Energie (ME) bei Pferden in optimalem Ernährungszustand bei Stallhaltung und moderatem Training je Tag)

RasseUmsetzbare Energie (ME) in Megajoule pro kg
metabolischer Körpermasse (MJ ME/kg KM0,75)
Warmblut0,52 (normalfuttrig)
Vollblut0,64 (schwerfuttrig)
Pony0,40 (leichtfuttrig)
Sonstige0,40–0,50

 (Tab. basiert auf Daten aus Kienzle et al. 2010; GfE 2014).

Futtrigkeit

Zusätzlich zum Verhältnis Gewicht und Körperoberfläche wird nun auch noch die Futtrigkeit berücksichtigt. Bei Menschen, die essen können, was sie wollen, ohne dick zu werden, sprechen wir immer davon, „derjenige hat einen guten Stoffwechsel“ und meinen damit, dass er einen höheren Grundumsatz hat, also mehr Energie für die gleiche Tätigkeit benötigt als andere. Bei Pferden ist das ähnlich. Hier nennen wir es Futtrigkeit. Zum Beispiel bezeichnen wir Ponys als leichtfuttrig und meinen damit, dass ihnen energieärmere Futtermittel ausreichen, um ihren Energiebedarf für Erhaltung oder Leistung zu decken. Sie bekommen in Tabelle 1 den Faktor 0,40 bei der Berechnung des Energiebedarfs. Vollblüter bezeichnen wir als schwerfuttrig, d. h. sie scheinen aufgrund ihrer etwas nervöseren Art auch mehr Energie „quasi nebenbei“ zu verbrennen und benötigen daher entweder mehr oder energiereicheres Futter. Sie bekommen in Tabelle 1 den Faktor 0,64 bei der Berechnung des Energiebedarfs. Berechnet man also einmal den Energiebedarf für ein leichtfuttriges im Vergleich zu einem schwerfuttrigen Pferd mit 600 kg Körpergewicht, staunt man nicht schlecht, hat doch das schwerfuttrige Pferd einen fast 40 % höheren Energiebedarf bei gleicher Leistung.

Beispielrechnung Erhaltungsbedarf umsetzbare Energie pro Tag mit Hilfe von Tabelle 1:

Pferd: Gewicht 600 kg

Leichtfuttrig, d. h. Energiebedarf je kg metabolischer Körpermasse (MJ/kg KM0,75): 0,40

Ergebnis:0,40 MJ x 6000,75 kg= 48,5 MJ ME

Normalfuttrig, d. h. Energiebedarf je kg metabolischer Körpermasse (MJ/kg KM0,75): 0,52

Ergebnis:0,52 MJ x 6000,75 kg= 63 MJ ME

Schwerfuttrig, d. h. Energiebedarf je kg metabolischer Körpermasse (MJ/kg KM0,75): 0,64

Ergebnis:0,52 MJ x 6000,75 kg= 77,6 MJ ME

Beeindruckend, oder? In Heuportionen umgerechnet würde das bedeuten, während das leichtfuttrige 600 kg Pferd gerade mal 8 kg Heu (mittlerer 1. Schnitt) aufnehmen müsste, um den Energiebedarf für Erhaltung decken zu können, braucht das schwerfuttrige Pferd vom gleichen Heu 12,5 kg am Tag. Die Futtrigkeit muss also berücksichtigt werden und damit die Pferde auch eine pferdegerechte Menge Heu am Tag bekommen können, ohne zu dick oder zu dünn zu werden, muss ein leichtfuttriges Pferd, ein energiearmes, ein schwerfuttriges Pferd, ein energiereiches Heu bekommen. Dann können am Ende auch beide Pferdetypen ihre 12 kg Heu am Tag bekommen, denn: Der Erhaltungsbedarf an Energie sollte im Interesse der Gesundheit (nicht nur des Verdauungstraktes) über Heu gedeckt werden. Ein Pferd, das nicht gearbeitet wird, benötigt also außer Heu (je nach Heuqualität und Pferdetyp 1,7 – 2 kg je 100 Kilogramm Körpergewicht) keine weitere Energiequelle.

Zur Deckung des Mineralstoff- und Vitaminbedarfs sollte ein Mineralfutter ergänzt werden. Zum Ausgleich der Proteinqualität können Zulagen von Aminosäuren, den Kleinstbausteinen der Proteine, sinnvoll sein.

Leistung kann sowohl Reproduktion (Trächtigkeit, Laktation, Deckeinsatz) und Wachstum als auch Arbeit sein.

Um den Energiebedarf für die Arbeit besser einordnen zu können, teilt man Arbeit in leicht, mittel und schwer ein. Vereinfacht ausgedrückt bedeutet leichte Arbeit, dass das Pferd jeden Tag durchschnittlich bis zu einer Stunde bewegt wird, wovon es ca. 20 Minuten trabt und galoppiert. Mittlere Arbeit macht ein Pferd, das durchschnittlich täglich 1 – 2 Stunden bewegt wird und davon 25 bis 50 Minuten wirklich arbeitet (Schrittpausen bitte abziehen). Schwere Arbeit verrichten tatsächlich nur sehr wenige Pferde. In diese Gruppe gehören z. B. Holzrückpferde, Hochleistungssportler wie einige Vielseitigkeitspferde, Fahrpferde im Gelände, einige Distanzpferde und einige wenige Grand-Prix-Pferde, die sehr intensiv gearbeitet werden.

Leichte Arbeit

Ein Pferd mit leichter Arbeit nimmt bei guter Heuqualität bereits mit 2 kg Heu je 100 kg Körpergewicht genügend Energie auf. Mit Körpergewicht ist immer das Idealgewicht gemeint. Auch wenn dieses Pferd seinem Besitzer womöglich glaubhaft versichert, dass es verhungert, wenn er den Trog nicht reichlich befüllt, es hat genügend zu fressen und durch die längere Kauzeit von Heu gegenüber Kraftfutter auch mehr Beschäftigung. Damit der Trog zu den Mahlzeiten nicht ganz leer bleibt, können noch geringe Mengen Heucobs, Möhren oder energiereduzierte Futter gefüttert werden. Auch eine Handvoll Hafer ist eine Option.

Beispielrationen leichte Arbeit bei 600 kg Körpergewicht

Beispiel 1 Beispiel 2
12 kg Heu durchschnittlicher Qualität10 kg Heu durchschnittlicher Qualität
 1 kg Heucobs (trocken gewogen)
100 g Hafer oder 500 g Möhren0,5 kg Hafer
50 – 60 g Magnostable®/Magnolythe® S10050 – 60 g Magnostable®/Magnolythe® S100
Magnovital® (Aminosäuren) nach BedarfMagnovital® (Aminosäuren) nach Bedarf

 

Mittlere Arbeit

Bei mittlerer Arbeit müsste ein Pferd je nach Heuqualität 2,2 bis 3 kg Heu je 100 kg Körpergewicht fressen. Diese Mengen frisst nicht mehr jedes Pferd. Außerdem führt diese Fütterung bei etlichen Pferden auch zu Einschränkungen in der Rittigkeit. Das Gewicht des Darms sorgt für eine eingeschränkte Rückentätigkeit und das große Volumen behindert das Untertreten unter den Schwerpunkt. Zudem werden die Pferde oft sehr träge. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, einen Teil des Energiebedarfs über Kraftfutter zu decken. Springpferde benötigen für kurzzeitige Hochleistungen im Parcours mehr schnell verfügbare Energie als Dressur- oder Distanzpferde. Deshalb enthalten ihre Rationen tendenziell mehr Kraftfutter. Dressur- und Distanzpferde müssen über einen längeren Zeitraum genügend kontinuierlich zur Verfügung stehende Energie für ihre Arbeit erhalten. Sie benötigen daher mehr leicht verdauliche Rohfasern in ihrer Ration, wie sie z. B. in blattreichem Heu, Heucobs und Rübenschnitzeln (eingeweicht) enthalten sind.

Beispielrationen mittlere Arbeit bei 600 kg Körpergewicht

Beispiel 1 Beispiel 2
12 kg Heu durchschnittlicher Qualität10 kg Heu durchschnittlicher Qualität
 1 kg Heucobs (trocken gewogen)
1,5 – 2 kg Hafer2 kg Hafer
60 ml Öl (Magnopower liquid)560 ml Öl (Magnopower liquid)
Magnovital® (Aminosäuren) nach BedarfMagnovital® (Aminosäuren) nach Bedarf
60 g Magnostable®/Magnolythe® S10060 g Magnostable®/Magnolythe® S100
Magnovital® (Aminosäuren) nach BedarfMagnovital® (Aminosäuren) nach Bedarf

 

Schwere Arbeit

Pferde bei schwerer Arbeit mit der notwendigen Energie zu versorgen, ohne ihren Verdauungsapparat zu überlasten und negative gesundheitliche Auswirkungen zu riskieren, ist nicht ganz einfach. Um keine Fehlfermentation im Dickdarm oder Magengeschwüre zu riskieren, greifen wir hier gerne auf stärke- und zuckerreduzierte Kraftfutter zurück, die dennoch einen hohen Energiegehalt aufweisen. Auf unserer Homepage finden Sie einen Musterrationsrechner, der Ihnen individuell für Ihr Pferd eine Musterration berechnet. Wer es ganz genau wissen will, der kann sich eine individuelle Nährstoffberechnung für sein Pferd im Rahmen unserer Fütterungsberatung anfertigen lassen. Hierzu sollten auch Futterproben eingesandt werden. Benötigt ein Pferd deutlich mehr Energie, um seine Figur zu halten, sollten zunächst Heumenge und -qualität kontrolliert werden. Auch Magengeschwüre, Stress, Zahnprobleme und Würmer sind häufige Ursachen für einen erhöhten Energiebedarf und sollten behoben werden.

Beispielrationen mittlere Arbeit bei 600 kg Körpergewicht

Beispiel 1 Beispiel 2
12 kg Heu durchschnittlicher Qualität10 kg Heu durchschnittlicher Qualität
 1 kg Heucobs (trocken gewogen)
300 g Magnoturbo®300 g Magnoturbo®
2 kg Hafer52 kg Hafer
1,5 kg getreidefreies Kraftfutter*2 kg getreidefreies Kraftfutter*
200 ml Öl (Magnopower liquid)200 ml Öl (Magnopower liquid)
70 g Magnolythe® S10070 g Magnolythe® S100
Magnovital® (Aminosäuren) nach BedarfMagnovital® (Aminosäuren) nach Bedarf

 

*Der Stärke- und Zuckergehalt sollte unter 10 % liegen und der Energiegehalt über 12 MJ (DE) bzw. über 11 MJ (ME)