Typische Stressphasen von Pferden

Einleitung
Stress wird überwiegend als negativ, krankmachend und belastend gesehen. Das ist im Falle von Langzeitstress bei Mensch und Pferd auch absolut berechtigt. Doch Stress ist zunächst nichts Negatives, im Gegenteil: Stress ermöglicht Mensch und Tier, sich an die Umgebung anzupassen. Ohne Stressempfinden würden wir möglicherweise gelassen auf einer dicht befahrenen Autobahn umherschlendern oder bei einem Zoobesuch mit dem Eisbär baden. Stress lässt uns, ohne nachzudenken, handeln, zum Beispiel blitzschnell auf die Bremse treten, wenn ein Kind vor´s Auto läuft.
Danach realisieren wir, was der soeben erlebte Schreck in unserem Körper angerichtet hat: der Herzschlag ist erhöht, wir zittern, bekommen evtl. einen Schweißausbruch bzw. feuchte Hände, einen trockenen Mund, unser Magen meldet sich usw., doch nach relativ kurzer Zeit ist dieser Kurzzeitstress auch wieder überwunden. Was bleibt ist eine Erfahrung, z. B. erhöhte Aufmerksamkeit, die Anpassung ist geglückt.
Einer der Klassiker ist der Transport. Transporte stressen Pferde (je nach Erfahrung mehr oder weniger) immer, aber mitunter reicht ein unerwartetes, heftigeres Bremsen, eine für das Tempo zu enge Kurve, um ein Pferd zu veranlassen, anschließend bei jedem Transport in Stress zu geraten, zu scharren, ständig umzutreten und schweißnass auszusteigen. Oder auch erst gar nicht mehr in einen Hänger einzusteigen.
Und es gibt natürlich weitere Beispiele: Plötzlich allein in eine Box eingesperrt zu sein, empfindet ein Jungpferd bestimmt nicht als Inbegriff der Sicherheit, im Gegenteil: die Wände machen, so erkennt es schnell, eine Flucht unmöglich und haben zudem Einfluss auf sein Sozialverhalten.
Der Kontakt zum Nachbarn ist durch Gitter beschränkt, so dass eine artspezifische Pferdebegrüßung nicht möglich ist. Ob das gut (verringerte Verletzungsgefahr) oder schlecht ist (Langzeitstress), kann und soll an dieser Stelle nicht diskutiert werden.
An dieser Stelle geht es zunächst nur darum, die Grundbedürfnisse mit der Realität des Aufstallens eines jungen Pferdes, z. B. zur Hengstvorbereitung, einer Auktion oder im Berittstall, abzugleichen. Das gibt uns vielleicht eine Idee davon, wie stark die Grundbedürfnisse unserer Pferde von extern gesteuert und damit auch beeinträchtigt werden. Und es geht darum, eine bessere Vorstellung von dem Ausmaß an Stress, den junge Pferde (wie auch ältere Pferde bei einem Besitzer- und Stallwechsel, Klinikaufenthalt usw.) notgedrungen erleben müssen, zu bekommen.
Es geht uns bei diesem Artikel in erster Linie darum, unser Beobachtungsvermögen und Mitgefühl wachzurütteln und die (nötige) riesige Anpassungsleistung der Pferde besser sichtbar zu machen, um kritische Phasen im Leben eines Pferdes oder auch den täglichen Umgang/das Training nicht in Langzeitstress münden zu lassen.
Zunächst gehen wir der Frage nach, was unser Hauspferd vom Wildpferd unterscheidet, schauen dabei kurz auf die Gene und betrachten entscheidende Phasen im Leben unserer Hauspferde, die – sofern hier etwas schiefläuft – möglicherweise wirklich verheerenden Langzeitstress verursachen und für das weitere Pferdeleben eine riesengroße Hypothek aufbauen können. Wir werden auch ein wenig „gendern“ und genauer hinschauen ob, und wenn wie viel, wahre Erkenntnis in dem tiefen Seufzer „typisch Stute“ zu finden ist.
Haus- vs. Wildpferde
Das Leben unserer Hauspferde unterscheidet sich vom ersten Lebenstag an gewaltig von dem eines Wildpferdes. Eine Wildpferdestute separiert sich, meist begleitet von der besten Freundin, kurz vor der Geburt von der Herde, gebärt ihr Fohlen im Stehen und legt es meist auf einer kleinen Erhebung ab.
Die anderen Herdenmitglieder sind zwar freudig neugierig, halten jedoch respektvoll Abstand, bis die Mutter den anderen Herdenmitgliedern und dem Hengst erlaubt, das neue Familienmitglied zu begrüßen. Unterricht in Pferdeetikette erfolgt vom ersten Lebenstag an und so lernenWildpferde im ersten Lebensjahr:
- Die höfliche Begrüßung bestehend aus Augenkontakt, Geruchsaufnahme und Berührung
- Weichen und den Platz in der Herde finden (mein Raum – Dein Raum)
- Körpersprache und Sozialverhalten mit Pferden unterschiedlichen Alters und Geschlechtes
- Ständig Informationen einzuholen und zu verarbeiten (via Geruch, Tastsinn, Gehör)
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass unser Hauspferd mit drei Jahren jemals in einer gemischtgeschlechtlichen Herde mit (teilweise sogar mehreren) Hengsten war und fraglich, ob es über die ersten Lebensmonate schrittweise Pferde unterschiedlichen Alters kennengelernt hat. Es ist auch keineswegs sicher, dass es überhaupt jemals die Grundlagen von Pferdeetikette, wie beispielsweise eine höfliche Begrüßung, beigebracht bekommen hat.
Da das Verhalten bei Pferden zum großen Teil erlernt ist, ein junges Pferd aber nur eingeschränkte Erfahrung und eventuell sogar eine mehr oder weniger mangelhafte Sozialisierung durch die Mutter hatte (keineswegs jede Mutterstute ist funktional kompetent), können Sie sich vorstellen, welchen Stress ein junges Pferd mit vielleicht zusätzlich noch A/A- oder G/A- Allelen (davon später mehr) in einer, zum Beispiel, gemischten Offenstallherde bekommt. Denn auch der beste Offenstall ist, machen wir uns nichts vor, keine vergleichbar funktionale Herdengemeinschaft wie eine Wildpferdeherde.
Insbesondere bei verknappten Ressourcen wie Futter und Platz, ist die Gemeinschaft weit entfernt von einer friedlichen, funktionalen Herde, deren Mitglieder freundlich kooperieren, sich gegenseitig unterstützen und alle gemeinsam gelassen der klugen Führung einer erfahrenen, souveränen Leitstute vertrauen können.
Die Gemeinschaftshaltung ist jedoch zweifelsohne artgerechter als die Boxenhaltung. Untersuchungen ergaben allerdings, dass das Fressverhalten im Offenstall ähnlich beeinträchtigt ist, wie in der Boxenhaltung. Besser sieht es bei der Fortbewegung aus.
In naturnaher Umgebung (z. B. Camargue-Pferde) legen Pferde bei der Futtersuche täglich zwischen 6 und 12 km zurück. Die Fortbewegung auf der Weide beträgt 2.200 bis 3.500 m pro Tag. Im Gruppenlaufstall werden täglich noch durchschnittlich 1.800 m zurückgelegt, in der Einzelbox ist die Fortbewegung auf 173 m (!!) reduziert.
Beträgt die mittlere Schrittlänge auf der Weide im Mittel 0,8 m, so ist sie in der Einzelbox auf 0,3 m reduziert. Auf der Weide erfolgen die Schritte in der Regel geradeaus. Für das Geradeausgehen bleiben in der Einzelbox gerade noch 14 %, gegenüber 41 % seitlichen und 45 % drehenden Tritten übrig (Frentzen, 1994). Somit kann beim Aufenthalt in der Einzelbox von der erforderlichen arttypischen Fortbewegung definitiv nicht die Rede sein. Auch wenn zum Zeitpunkt der Studie die Boxen in der Regel noch deutlich kleiner waren als das heute üblich ist, die Zahlen beeindrucken.
Neben dem Fortbewegungsverhalten weicht auch das Nahrungsaufnahmeverhalten weit vom natürlichen Verhalten ab. Freilebende Camargue-Pferde fressen 60 % des Tages, während bei Boxenhaltung auf Späne und rationierter Heufütterung nur noch 16 % der Zeit für das Fressen genutzt werden können. Der Anteil der reinen Stehzeit erhöht sich von 20 % bei freilebenden Pferden auf 68 % bei rationierter Raufutterfütterung und Boxenhaltung (Kiley-Worthington, 1989). Hier besteht auch bei der Gruppenhaltung unter den Bedingungen der Auslaufhaltung laut Studien interessanterweise kein großer Unterschied. Auch bei diesem Haltungssystem mit der Möglichkeit für die Pferde, sich mehr zu bewegen, entspricht die prozentuale Verteilung der Verhaltenselemente Fressen und Dösen (Stehen) tatsächlich überraschenderweise eher der von Pferden in Boxenhaltung (Rischbieter, 2001).
Stress bei Hauspferden
Beim Pferd wird Stress häufig assoziiert, gewissermaßen die „Gesamtsituation“ als Stressauslöser im Gehirn abgespeichert. Für ein Wildpferd absolut ausreichend, es muss nur blitzschnell zwischen Kämpfen oder Fliehen entscheiden.
Für unsere Hauspferde allerdings, die nicht simpel mit Raubtieren, sondern mit wesentlich komplexeren Stressoren konfrontiert werden und die zudem nicht in einer funktionalen Herde mit einer klugen Leitstute leben, ist die „Fight or Flight“-Frage wesentlich schwieriger zu beantworten. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere Hauspferde in etlichen stressauslösenden Situationen gar nicht fliehen können, da sie entweder eingesperrt oder angebunden sind.
Betrachten wir die Liste der Lebensphasen, so fällt sofort auf, wie unterschiedlich das Leben unserer Hauspferde zu dem eines Wildpferdes ist. Auf der einen Seite das Wildpferdeleben im funktionalen Sozialverband, inklusive freier Bewegung und freien Entscheidungen, dafür immanente Lebensgefahr durch Beutejäger, jahreszeitlich eingeschränktes Futterangebot, Suche nach Trinkwasser, Hitze- und Kältestress und vieles andere mehr.
Auf der anderen Seite ein Hauspferdeleben in Komfort und Bequemlichkeit der menschlichen Obhut, ohne Raubtiere bei gesichertem Futterangebot, Rundumbetreuung, meist, zumindest im Sommer, Koppelgang, aus Sicherheitsgründen allerdings oft mehr oder weniger eingeschränkter Sozialkontakt, der zudem keineswegs immer funktional ist.
Typische kritische Lebensphasen eines Pferdes sind folgende Situationen:
- Absetzen, die (zu) frühe, unfreiwillige Trennung von der Mutter
- Aufstallen, Anreiten, Shows, Leistungsprüfungen und Auktionen
- Transporte
- Training, Ausbildung
- Das erste Turnier
- Stallumzug und Besitzer- /Reiterwechsel
- Krankheit, Klinikaufenthalt, Boxenruhe
- Verluste
Wir wissen aber auch , dass speziell das Pferd ein extrem anpassungsfähiges Lebewesen ist. Beweis für diese Anpassungsfähigkeit ist, dass etliche Wildpferdeherden eine ganz eigene Kultur entwickeln, getreu dem Motto: „in unserer Herde machen wir das so“.
Ethologen können eingefangene Mustangs mitunter allein schon an typischen Verhaltensmustern sofort einer Herde zuordnen. Wildpferde treffen je nach Situation Entscheidungen und ändern entsprechend ihr Verhalten. Außerdem gibt es keine Einheitsgröße für alle, da Pferde unterschiedliche Temperamente haben. Da der Zusammenhalt für das Überleben der Herde entscheidend ist, finden Wildpferde Wege, diese individuellen Unterschiede in kollektives Handeln zu überführen, was ihnen ermöglicht, sich an veränderte Umstände anzupassen. Diese Flexibilität hat sich der Mensch bereits seit der Domestizierung zunutze gemacht und auch wir können bei unseren Hauspferden darauf zurückgreifen.
Wichtig zu verinnerlichen ist, dass Pferde sich an (fast) alles anpassen, es liegt an uns Menschen, ob diese Anpassung positiv erfolgt oder Langzeitstress und Leiden mit sich bringt.

Zuchtauswahl
Egal ob Wildpferd oder Hauspferd, alle Pferde dieser Welt haben in Bezug auf ihre Gene eine Übereinstimmung von über 97% (persönliche Mitteilung von Prof. Daniel Rubenstein, PhD Princeton University). Wenig überraschend, denn die meisten Wildpferde sind gar keine wirklichen Wildpferde, sondern verwilderte Hauspferde.
Im Laufe der Geschichte hat der Mensch auch aus Wildpferden Pferde für seine Zucht ausgewählt, deren natürliche Eigenschaften ihm am geeignetsten erschienen. Diese Übereinstimmung ist ein klarer Hinweis, dass wir das Verhalten von Wildpferden durchaus 1:1 auf unsere Hauspferde übertragen können. Die Zucht durch den Menschen begünstigt bei allen Haustieren normalerweise primär die typischen Haustiereigenschaften wie Freundlichkeit, Neugier, Verspieltheit und Gefallenwollen (kindliche Verhaltensweisen), denn diese Eigenschaften erleichtern uns Menschen die Haltung und den Umgang (Nutzung/Arbeit) mit unseren Vierbeinern.
Auch die Gemeinschaft mit seinen Pferden soll für den Menschen möglichst einfach und ungefährlich sein. Die Zucht auf Hochleistung geht jedoch häufig in eine andere Richtung, denn dabei wird primär auf Talent, Entschlossenheit, Mut, Wachsamkeit und Sensibilität selektiert.
Der respekteinflößende Oxer soll in erster Linie nicht neugierig untersucht und mit Freude spielerisch demontiert werden, sondern mutig, vorsichtig und entschlossen gesprungen werden! Das Dressurpferd wiederum muss über drei hervorragende Grundgangarten verfügen und mit größter Aufmerksamkeit auf minimalste Reiterhilfen reagieren. Jede Disziplin hat eigene Anforderungen an ihre Topathleten. Studien geben Aufschluss darüber, dass die Genetik beim Pferd nicht nur die Farben, Muskelfasern etc., sondern auch das Temperament beeinflusst. Man fand heraus, dass Pferde, die homozygot für das G-Allel (G/G-Variante eines Gens auf einem Chromosom) sind, eine höhere Neugier (Bereitschaft, Unbekanntes zu untersuchen, anstatt die Flucht zu ergreifen) aufweisen und dabei deutlich geringere Vorsicht/Wachsamkeit zeigen, während Pferde mit einem oder zwei A-Allelen (A/A/ und G/A) umgekehrt eine wesentlich geringere Neugier bei deutlich erhöhter Aufmerksamkeit/Wachsamkeit aufweisen.
Pferde mit hoher Neugier akzeptieren Veränderungen naturgemäß wesentlich leichter als Pferde mit hoher Wachsamkeit, die bereits bei kleinsten Anlässen in höchste Alarmbereitschaft versetzt werden.
Höchste Alarmbereitschaft und Stress blockieren gleichzeitig den Lernvorgang, nicht nur beim Pferd, sondern bei jedem Säugetier. Man könnte durchaus selektiv nur ruhige, gelassene, mutige Pferde mit großer Neugier und geringer Wachsamkeit züchten. Doch meist sind insbesondere die Pferde, die gezielt für bestimmte Sportdisziplinen gezüchtet werden, hochsensible/ wachsame Pferde.
Jeder Züchter versucht ein Hochleistungspferd und Seriensieger zu züchten, auch wenn dies nur in den seltensten Fällen gelingt und die meisten Pferde Freizeitpferde werden. Es liegt dann an uns Freizeitreitern, diese hochsensiblen, wachsamen Pferde mit den A/A/ und G/A-Genen zu verstehen und ihren Stress zu minimieren. Ihre erhöhte Aufmerksamkeit und Alarmbereitschaft liegt in ihren Genen und sind kein übler Charakter.
Da die Persönlichkeit eines Pferdes aber nicht nur angeboren, sondern zu einem großen Teil durch erlerntes Verhalten bestimmt wird, sind nicht nur die Gene, sondern auch die Erfahrungen eines Pferdes in den ersten Lebensjahren entscheidend für die spätere Persönlichkeit und die individuelle Stressempfindlichkeit.
Absetzen
In der Wildpferdeherde haben Fohlen nicht nur ihre Mutter, sie haben auch zusätzlich mindestens eine "Tante", die beste Freundin der Mutterstute, die sich, ebenso wie die Mutterstute, um den Schutz des Fohlens kümmert. Die Stute säugt ihr Fohlen mindestens, bis das neue Fohlen geboren ist (oft sogar noch, je nach Nahrungsangebot, nachdem das neue Fohlen bereits auf der Welt ist), und speziell Stutfohlen sind dann als Jährlinge oder Zweijährige gleich zusätzliche Aufpasser für das neugeborene Fohlen.
Kommen wir nun zu unseren Hauspferden: War das Leben mit Mama in der Mutterstutenherde wohlbehütet und überwiegend lustig, kommt mit dem Herbst bei unseren Hauspferden die Zeit der Trennung. Nicht die körperliche und mentale Reife der Fohlen, sondern nur das Kalenderdatum bestimmt den Zeitpunkt. Beim Verlassen einer Wildpferdeherde wäre ein Fohlen wesentlich älter (einjährig und meist sogar älter) und würde seinen Platz in einer funktionalen Herde mit Hengst und Pferden unterschiedlichen Geschlechtes und Alter perfekt kennengelernt haben. Kurzum bereits optimal sozialisiert sein.
Evolutionsbiologisch betrachtet ist damit der bei uns übliche Absetztermin von ca. sechs Monaten, oder oft sogar noch jünger, definitiv wider die Natur. Das wird ganz deutlich durch die Tatsache unterstrichen, dass spätere Kopper diese Stereotypie meist in Zusammenhang mit dem Absetzen entwickeln. Sie verlieren ihren natürlichen Schutz und haben entsprechend viel Stress. Egal, wie viele andere Fohlen in der neuen "Herde" vorhanden sind, es ist keine Herde, es ist genau betrachtet allenfalls eine Ansammlung von plötzlich schutzlos gewordenen Pferdekindern, die sich schlecht und recht aneinander orientieren können und ansonsten hilf- und führungslos in einer Gemeinschaft leben.
In unserer Hauspferdezucht kommen somit im Aufzuchtbetrieb 4-7 Monate alte Fohlen aus unterschiedlichsten Zuchtbetrieben mit unterschiedlichsten sozialen Prägungen zusammen und müssen irgendwie damit klarkommen, in vielen Fällen viel zu früh die Mutter und die anderen vertrauten Pferde zu verlieren, evtl. als Einzelfohlen vom Hobbyzüchter schlagartig lernen in einer Gruppe zu leben und viele haben nur eines wirklich gemeinsam: extremen Stress, Angst, mitunter sogar Panik.
Manche Züchter setzen die Fohlen ab, indem sie die Mutterstuten nach und nach, je nach der Entwicklung der Fohlen, aus der Herde nehmen und eine oder zwei den Fohlen vertraute, ältere bzw. nicht tragende Stuten bei den Fohlen belassen. Eine für die Fohlen deutlich stressfreiere Vorgehensweise, denn die verbleibenden Stuten schenken den (evolutionsbiologisch zu früh verwaisten) Pferdekindern weiterhin Führung und Sicherheit. Und das lohnt sich, denn der Faktor Stress führt bei rd. 50 % der Fohlen zu Magenproblemen mit teils hochgradigen, schmerzhaften Magengeschwüren. Das Absetzen sollte daher möglichst stressfrei gestaltet werden.
Fütterung und Absetzen
Seitens der Fütterung können wir empfehlen, dass in der Zeit vor und nach dem Absetzen (jeweils mindestens 2 Wochen) auf folgendes geachtet wird:
- Heu oder Gras zur freien Aufnahme
- Kein stärkehaltiges Kraftfutter (also z. B. kein Getreide)
- Magnoguard (35 g / 100 kg KGW) als Magenschutz
- Magnostar® und Magnofine® können weiter gegeben werden
- Als Krippenfutter eignen sich eingeweichte Rübenschnitzel und Luzernecobs

In der Vergangenheit konzentrierte sich die Forschung in der Regel ausschließlich auf kurzfristige Stressreaktionen der Fohlen in der ersten Woche nach dem Absetzen. Eine neuere wissenschaftliche Untersuchung (Delank et al. 2023) erstreckt sich erstmalig über einen Zeitraum von drei Wochen und gibt Auskunft über Langzeitstress. Neben den bereits bekannten, für Angst und Stress typischen Verhaltensänderungen, ergab diese Studie einen über Wochen dramatisch erhöhten Spiegel des (Langzeit-) Stresshormons Cortisol bei Absetzfohlen. Laut der Studie muss der Mensch mit einer sogar deutlich längeren Übergangszeit als die drei Wochen des Untersuchungszeitraums rechnen, bevor sich die Absetzfohlen wieder „normalisieren“ und ihren Langzeitstress überwinden.
Wie lange diese Übergangszeit ist, kann (noch) niemand sagen, fest steht laut dieser Studie lediglich, dass drei Wochen keineswegs ausreichend sind. Zu beobachten war weiterhin, dass die Fohlen nach dem Absetzen viel mehr Zeit im Stehen verbrachten als zuvor. Sie verbrachten viel weniger Zeit im Liegen als vor dem Absetzen und waren gleichzeitig allgemein weniger aktiv.
Die Cortisolkonzentrationen in den Kotproben – die das Stressniveau von 24 Stunden zuvor aufzeigen – lassen Rückschluss darauf zu, dass die Fohlen eine enorme Stressreaktion auf das Absetzen zeigten. Am Tag der Entwöhnung waren die Cortisolkonzentrationen der Fohlen etwa doppelt so hoch wie zwei Tage vor der Entwöhnung. Diese Werte stiegen in der ersten Woche sogar noch weiter an und fielen erst im Laufe des Untersuchungszeitraums langsam ab. Die meisten Fohlen erreichten in den ersten drei Wochen nach dem Absetzen allerdings immer noch nicht ihre Cortisolwerte von vor dem Absetzen.
„Es ist nicht möglich, das Absetzen ohne Stress für das Fohlen zu bewerkstelligen.“
lautet das Fazit von Delank. Die Wahrscheinlichkeit für Fohlen in diesem Langzeitstress massive Magenerkrankungen zu bekommen oder auch Stereotypien, wie Koppen und Weben zu entwickeln, ist extrem hoch, wie die Praxis bestätigt. Interessanterweise wurde diese Studie in einem Landgestüt gemacht, dass die Absetzer gemeinsam mit erfahrenen, älteren Pferden hält, um den Fohlen Führung und Leitung zu schenken und Stress zu minimieren! Wie groß die Belastung in den vielen Absetzergruppen sein mag, die diese Führung nicht haben, wissen wir noch nicht.
Aufstallen
Auch das Datum für das Verlassen der Aufzuchtherde bestimmt der Mensch. Spätestens wenn die Jungpferde dreijährig sind, kommt der Tag, an dem das Leben in der Aufzuchtherde vorbei ist. Möglicherweise geht es sogar ganz allein in einen Transporter und das junge Pferd verliert erneut die Freunde und kommt vom Laufstall und/oder den großen Koppeln des Aufzuchtbetriebes nicht selten in eine Einzelbox mit geschlossenen Gittern.
Einschränkung der Bewegung und der Sozialkontakte, Änderung der Fütterung und des gesamten Managements im Stall sind nur einige der Stressoren mit denen unser Jungpferd von heute auf morgen plötzlich konfrontiert wird.

Anreiten

Schauen wir uns an, was auf ein junges Pferd im Berittstall so zukommt. Bisher spielte unser Jungpferd mit (selbst ausgewählten!) Freunden auf der Koppel bzw. im Laufstall, traf eigene Entscheidungen (ob Spielen, Fellkraulen, Fressen oder einfach gemeinsam chillen), hatte rund um die Uhr freien Zugang zu Heu oder Gras, Platz genug zum Wälzen (was es bestimmt zehnmal am Tag tat) und zum Liegen mit Freunden.
Beim Umzug in den Stall sind plötzlich alle Freunde weg, es gibt vielleicht nur noch zwei Mahlzeiten Heu am Tag, die Box erlaubt weder Berührung mit anderen Pferden noch eigene Entscheidungen zu treffen und lädt auch nicht zum Wälzen ein. Unser junges Pferd muss diese Umstellung zunächst verkraften und zudem menschliche Kommandos verstehen lernen. Es muss lernen, zum Putzen angebunden stehen zu bleiben, sich satteln und trensen zu lassen, an der Longe im Kreis zu laufen (was seine Balance extrem herausfordert) und das in der Regel noch ausgebunden mit einem schlimmstenfalls schmerzendem Metallteil im Maul und einem Nasenriemen, der die Atmung behindern kann und Druck auf die extrem gut innervierte, sensible Maul/Nasenpartie ausübt.
Das Pferd lernt weiterhin den Reiter zu tragen, zunächst an der Longe und dann frei, lernt in der Halle (meist ganz allein ohne andere Pferde) die Hilfengebung des Reiters kennen, die für unser Pferd zunächst naturbedingt enorm verwirrend ist. Bekommt es Druck mit beiden Schenkeln, bleibt ein junges Pferd zunächst instinktiv stehen. Ein Antippen mit der Gerte schickt es dann nach vorne, doch falls es schneller als gewünscht vorwärts geht, signalisiert das Gebiss im Maul schmerzhaft „Stop“.
Sie wundern sich vielleicht beim Lesen, dass beim Anreiten junger Pferde nicht mehr passiert, sondern dass im Gegenteil die meisten Pferde im Profiberitt innerhalb weniger Wochen bereits genügend weit ausgebildet sind, um erste Prüfungen (z. B. Stuten- oder Hengstleistungsprüfungen) gehen zu können? Das Wunder ist schnell erklärt: Pferde sind eben tatsächlich extrem adaptive, soziale, sanfte, gutwillige, kooperative Wesen, die uns gefallen wollen (siehe oben).
Exkurs: Früher war es anders...

Vor 50 Jahren war der Begriff Stress noch unbekannt. Unsere Jungpferde lebten, wie überall, getrennt nach Geschlechtern in Herden und wurden zum Anreiten zunächst nur stundenweise in sehr großen Boxen aufgestallt und an Putzen, Sattel, Zaumzeug und das Gewicht des Reiters auf dem Rücken gewöhnt. Alles frei, kein Pferd wurde angebunden. Die Pferde konnten entscheiden und ausweichen, wenn ihnen irgendetwas unangenehm war oder gefährlich erschien und wir bemühten uns, ihre Neugier zu wecken und zu erhalten, uns interessant zu machen und somit ihre Wahl zu erleichtern.
Sobald alle Pferde beim Putzen, Satteln, Aufsitzen gelassen blieben (was in der Regel in wenigen Tagen/Wochen der Fall war), gingen die Türen der Boxen (wie zum Gang auf die Weide) auf. Nur dieses Mal folgten sie nicht dem Menschen auf die Weide, sondern die Gruppe roher Jungpferde folgte einem Führpferd (einem älteren erfahrenen Hengst) und die Youngster gingen, ohne zuvor auch nur einziges Mal longiert worden zu sein, in ihrer Herdengemeinschaft mit uns leicht sitzenden, gut ausbalancierten Reitern auf dem Rücken am langen Zügel in´s Gelände. Die jungen Pferde hatten mit Sicherheit auch Stress, aber positiven (Kurzzeit-)Stress, empfanden das Anreiten sichtlich als interessantes Abenteuer, das sie gemeinsam in der Gruppe unter Führung des Althengstes bestanden.
Die Reiterhilfen lernten sie beim Folgen des Führpferdes von ganz allein, der Althengst signalisierte ihnen Ruhe und Sicherheit unter dem Reiter und Freude am gemeinsamen Spaziergang. Falls Sie jetzt denken, die Pferde hätten so das Kleben gelernt, muss ich Sie enttäuschen. Schnell waren sie bei ganz leichter Hilfengebung (in erster Linie nur leichte Gewichtsverlagerung) problemlos zu reiten. Reiten war bei diesen Pferden ausschließlich positiv verankert. Es gab bei fast jedem Ausritt ein neues Abenteuer: Kleine Gräben und natürliche Hindernisse wie Baumstämme wurden gesprungen, man ritt in einen Fluss oder See, mitunter wurde ein unaufmerksamer Reiter mit Sattelzeug gebadet, weil er sein im Wasser fröhlich mit den Hufen plantschendes Pferd nicht schnell genug am Hinlegen hinderte.
Mit den Junghengsten gab es selten Probleme, bei den jungen Stuten gab es vereinzelt kleinere Themen, in erster Linie dann, wenn Freundschaften zu wenig beachtet wurden und die beste Freundin einer Jungstute nicht mit in die Gruppe aufgenommen wurde (weil sie z. B. noch zu unreif erschien, verletzt war o. ä.). Insgesamt war die Freude am Abenteuer bei den Jungstuten aber tatsächlich nicht immer ganz so ausgeprägt wie bei den Junghengsten.
Auch beim Militär wurden die jungen Pferde über Jahre hinweg ausschließlich in der Gruppe geritten. Und schon damals gab es interessanterweise Hilfsmittel, wie den heute auch in der Jungpferdeausbildung häufig zu sehenden Schlaufzügel. Doch meinte ein Reiter einen Schlaufzügel zu benötigen, so musste er persönlich beim Kommandanten vorstellig werden und sein Gesuch gut genug begründen. Gelang ihm das, was berichtlich eher selten der Fall gewesen sein soll, so erhielt er diesen Schlaufzügel für maximal 3 Tage und hatte zudem schriftlich Bericht zu erstatten.
Das erste Turnier

Das Jungpferd ist angeritten und es ist ein zufriedenes, dem Menschen zugewandtes, offenes und neugieriges Pferd. Es darf sich jeden Tag auch frei mit Freunden auf der Koppel bewegen. Die Bezugsperson selbst hat ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihrem Pferd, das sich gerne und leicht reiten lässt und nun kommt der Tag des ersten Turniers.
Vorher wurde noch Verladen geübt, auch das ging problemlos. Besser kann man nicht vorbereitet sein und insbesondere wenn das Pferd Hengst oder Wallach ist und man noch mit einem anderen Pferd gemeinsam fahren kann, wird das erste Turnier vermutlich ein unspektakulärer Ausflug werden. Das Pferd hatte zwar mit Sicherheit Stress, denn jeder Transport ist für Pferde bereits Stress und jede fremde Umgebung auch, aber es hat viel Neues gelernt und konnte sich im Sinne der positiven Stresswirkung anpassen.
Schnitt: wir wechseln zur möglichen Sicht einer Stute: Aus irgendeinem Grund will die Stute gar nicht in den Hänger. Endlich ist sie drin, alle fahren los und hören bis auf den Turnierplatz Ihre Stute immer wieder herzzerreißend wiehern und das Stampfen, Scharren und Ausschlagen der Stute macht zunehmend größere Sorgen.
Angekommen holt man die schweißtriefende Stute vom Hänger, will die mit hocherhobenem Kopf tänzelnde junge Dame trocken führen. Diese zeigt mit ihrem Ohrenspiel, aufgerissenen Augen, weiten Nüstern, fester Maulpartie, sowie extrem angespannter Muskulatur, dass sie richtig gestresst ist. Grasen? Uninteressant! Heu/Hafer/Wasser? Uninteressant. Die Stute ist nicht zu beruhigen und man beschließt, das Turnier zu canceln und heimzufahren. Zuhause angekommen, ist die Stute schlagartig ruhig. Erschöpft, aber ruhig. Wie ist das zu verstehen?
Stuten allgemein und manche (leider?) ganz besonders sehen die Welt tatsächlich etwas anders als Hengste oder Wallache. Für manche Stuten ist die Herde, die beste Freundin nicht nur wichtig, sondern Mittelpunkt ihres Lebens. In der Herde sorgen Stuten für die Sicherheit, bestimmen wann und wo gegessen und getrunken wird und pflegen sehr enge Sozialkontakte. Stuten sind also keineswegs zickig, sie sehen lediglich die Welt anders.
Unsere Empfehlung ist, dass der bzw. die Besitzerin den Part der besten Freundin schon zuhause übernimmt und erst dann auf ein Turnier fährt, wenn der Stute in jeder Situation ausreichend Sicherheit geboten werden kann.
Zu beachten ist daher generell, dass manche Stuten ganz anders als Wallache oder Hengste auf Anforderungen reagieren. Sie entscheiden sehr schnell, ob eine Tätigkeit (für sie, bzw. die Herde oder ihre Nachzucht) sinnvoll ist oder in ihren Augen lediglich eine unnötige Ressourcenverschwendung darstellt. Und dann sind Sie gefordert, Ihre Stute zu motivieren.
Weniger Stress durch Empathie

Die meisten Menschen machen sich sehr viele Gedanken, wie sie zum Wohlbefinden ihres Pferdes beitragen können. Die zunehmende Anzahl zum Beispiel an alternativen Trainingsmethoden und Tierkommunikatoren beweist, dass beim Menschen großer Bedarf besteht, mit Pferden artgerecht zu kommunizieren, kooperativ zusammenzuarbeiten, Stress oder gar Angst möglichst auszuschalten.
Mensch und Pferd haben Gemeinsamkeiten, beide sind soziale Wesen, die Gesellschaft brauchen und beide haben das Bedürfnis nach Sicherheit und Vertrauen. Evolutionär bedingt ist der Mensch jedoch Jäger und Sammler, das Pferd Beute-/Fluchttier. Stresssituationen sind im Zusammenleben der beiden Spezies also völlig normal und betreffen sogar auch Gemeinsamkeiten, wie das Sicherheitsbedürfnis. Ein flüchtendes Pferd kann für den Menschen extrem gefährlich werden.
Der Mensch ist gut beraten, dem Pferd so viel Sicherheit zu bieten, dass der natürliche Fluchtinstinkt durch die Anwesenheit des Menschen möglichst ausgeschaltet wird, da das Pferd den Menschen als Garanten für seine Sicherheit verinnerlicht hat.
Wildpferde haben dafür ihre Leitstute. Zwar wird Ihr Pferd in Ihnen nie die Leitstute sehen, dennoch können Sie ihm das Gefühl der Sicherheit vermitteln. Manche Stuten sind deutlich wachsamer als Wallache oder Hengste. Es kann durchaus sein, dass Ihre Stute zeitlebens die Frage stellt, ob Sie überhaupt ausreichende Qualitäten als „Sicherheitsbeauftragte/-r“ haben.
Fakt ist, und das hat jedes Pferd schnell erkannt: Ihr menschliches Sehvermögen ist schlechter, sie riechen im Vergleich zu Ihrem Pferd mehr als nur lausig, Ihr Gehör und auch Ihr Tastsinn sind nicht annähernd funktional, kurzum, die Zweifel sind keineswegs unbegründet. Damit gilt es umzugehen. Nur wie?
Die meisten Pferdemenschen haben Reitlehrer, Ausbilder, Trainer, um von deren Erfahrungen zu lernen. Wie in jedem Beruf gibt es hier ganz großartige Pferdeleute (Horsemen), für die das Pferd im Mittelpunkt steht, andere haben vielleicht primär pekuniäre Interessen, wieder andere sind eher der Typ „Guru“. Sie kennen den Spruch „das Verrückte am Leben ist, dass man es vorwärts lebt und rückwärts versteht“?
Egal für welche Person oder Methode Sie sich entscheiden, jedes Pferd hat seine eigene Persönlichkeit und Sie als Besitzerin und Besitzer sind allein für das Wohlbefinden Ihres Pferdes verantwortlich. Also bleibt Ihnen als erstes nur die sehr schöne Aufgabe, Ihr Pferd kennen- und verstehen zu lernen, Stressanzeichen zu erkennen und Dauerstress möglichst zu vermeiden, auch wenn das bedeuten sollte, eine Ausbildung abzubrechen oder einen Stall zu wechseln.

Entwickeln Sie Empathie, aber vermenschlichen Sie Ihr Pferd nicht! Respektieren Sie seine artgemäßen Bedürfnisse und sorgen dafür, dass diese so weit als irgend möglich erfüllt werden. Lernen Sie die Basics des überaus reichen Ausdrucksverhaltens kennen und beobachten Sie Ihr Pferd, um seine Persönlichkeit und sein Befinden in verschiedenen Situationen einschätzen zu können. Auto- und Motorradfahren fahren kann man sich mit Fahrschule und Bedienungsanleitung aneignen, das fühlende Pferd braucht unsere Empathie und im Sport eine/-n bei leichter Hilfengebung ausbalanciert sitzenden, einfühlsamen, gelassenen, konzentriert-fokussierten Reiter/-in.
Stellen Sie sich, egal was Sie mit Ihrem Pferd machen, einfach vor, Sie wären an seiner Stelle. Ihr Pferd will z. B. nicht in die Reithalle? Es könnte sein, dass Ihr Pferd dort traumatisiert wurde oder dass die Ausrüstung schmerzt. Ihr Pferd akzeptiert, dass Sie den drückenden Sattel, das unangenehme Gebiss anlegen und den Nasenriemen festzurren, aber seine Erfahrung könnte ihm sagen, dass spätestens die Arbeit in der Reithalle mit erheblichen Schmerzen verbunden sein wird. Beobachten Sie Ihr Pferd genau. Augen, Ohren, Nüstern, Maulpartie, Kaumuskulatur, Körperhaltung, Muskeltonus, Schweifhaltung.
Begrüßen Sie Ihr Pferd nach Pferdeetikette, nehmen Augenkontakt auf, lassen es riechen (Geruchs- und Tastsinn sind für Pferde extrem wichtig!), putzen nicht nur wegen der Sauberkeit, sondern um Ihre Freundschaft auch über die Berührung zu verstärken.
Lernen Sie die Pferdesprache, das bei Pferden so beliebte Spiel „mein Raum - Dein Raum“ installiert Führung. Die Leitstute kann ein Herdenmitglied im Abstand von z. B. 100 Metern und mehr zum Stehen veranlassen und es bleibt in Ruhe und Sicherheit stehen. Ihr Pferd fühlt sich unter Führung sicher und Sicherheit ist eines der ganz entscheidenden Grundbedürfnisse eines Pferdes.
Achten Sie genau auf die Reaktionen Ihres Pferdes, sehen Sie die Welt aus der Sicht Ihres Pferdes, entwickeln Sie Mitgefühl und Verständnis und dann finden Sie mit Sicherheit Ihren persönlichen Weg zu dem was Ihr Pferd, wie alle Pferde, wirklich braucht: Sicherheit und Freundschaft. Ohren, Nüstern, Maulpartie, der Muskeltonus, die Schweifhaltung und ganz besonders die Augen erzählen uns alles.
Lernen Sie Ihrem Pferd zuzuhören und das gelingt nur durch Beobachten und Fühlen. Pferde beobachten uns umgekehrt extrem genau und, so zeigte eine Studie der Universität Pisa, synchronisieren sogar ihren Herzschlag mit unserem (Lanata et al. 2017). Das ist beeindruckend. Haben Sie Stress und einen erhöhten Puls, bekommt Ihr Pferd auch Stress und erhöhte Herzfrequenz. Lernen Sie deshalb Ihren Stress und auch Ängste zu beherrschen, nutzen Sie Entspannungstechniken, vielleicht indem Sie tief ein- und ausatmen, am besten gleich gemeinsam mit Ihrem Pferd. Unser Geruch ist für unser Pferd ebenfalls eine ganz wesentliche Informationsquelle.
Jedes Pferd hat seine eigene Persönlichkeit, lernen Sie Ihr Pferd kennen und lassen Sie sich darauf ein, wie Ihr Pferd Ihren Stress, Ihre Ängste und Ihre Unsicherheit sofort spürt und empathisch darauf eingeht. Machen Sie es ihm nach und werden im wahrsten Sinne des Wortes „mitfühlend“. Beobachten Sie auch sich selbst: wie gehen Sie mit Ihrem Stress und Ihren Ängsten um? Sie können Ihr Pferd nicht belügen. Lernen Sie zudem unbedingt die arteigenen Grundbedürfnisse Ihres Pferdes kennen. Wenn Sie frieren, heißt das noch lange nicht, dass Ihr Pferd friert und monatelang mit einer dicken Decke eingedeckt sein will. Pferde haben immer Appetit, d. h. aber nicht, dass Sie Ihr Pferd dickfüttern sollten. Pferde brauchen eher mehr Bewegung, davon bekommen die meisten heute nicht mehr genug.
Wir Menschen vermenschlichen Pferde leider gerne, achten Sie Ihr Pferd daher als Pferd, als eigene Persönlichkeit mit individuellen Bedürfnissen. Schenken Sie Ihrem Pferd ein Leben in Sicherheit, Kommunikation und Kooperation in gegenseitigem Respekt. Ihre Sprache „pferdisch“ mag anfangs noch sehr holprig sein, das spielt aber überhaupt keine Rolle. Pferde fühlen Ihre Zuwendung und Ihr Pferd wird Sie verstehen.
Kleine Missverständnisse sind auch überhaupt kein Problem, Pferde sind von Natur aus unglaublich sanft, großzügig, fein, sensibel, sowie extrem kooperativ und adaptiv. Es hat seinen Grund, weshalb die Pferde über Jahrtausende mit unserer Kultur verbunden sind.
Möglichst stressarm mit Pferden umzugehen und zu arbeiten bedeutet keineswegs stressfrei (und kann es auch nicht sein). Das ist auch nicht nötig, denn Stress dient der Anpassung und das Ziel der Ausbildung ist schlussendlich ein vertrauensvoll mitarbeitendes, physisch und psychisch gesundes Pferd.
Am Schluss angekommen können wir Sie nur ermuntern, sich auf eine gemeinsame Reise mit Ihrem Pferd zu begeben, und Sie können uns glauben: Empathie ist unseres Erachtens der Schlüssel, um den unnötigen Stress im Alltag Ihres Pferdes zu minimieren und insbesondere hier gilt – der Weg ist bereits ein Teil vom Ziel.
Produktempfehlungen zum Thema
Literaturverzeichnis (Auszug)
Bohnet, W. ( 2012) Schmerzen und Leiden: Was sagt uns das Pferd? In: Rackwitz, R. (Hrsg.) LBH: 6. Leipziger Tierärztekongress. 2.Tagungsband, S.
Delank, K., Reese, S., Erhard, M., Wöhr, AC. (2023) Behavioral and hormonal assessment of stress in foals (Equus caballus) throughout the weaning process. Plos One,18 (1) : e0280078.
Frentzen, F. (1994) Bewegungsaktivitäten und -verhalten von Pferden in Abhängigkeit von Aufstallungsform und Fütterungsrhythmus unter besonderer Berücksichtigung unterschiedlich gestalteter Auslaufsysteme. Diss. med. vet., Hannover.
Kiley-Worthington, M. (1989) Pferdepsyche –Pferdeverhalten. 1. Auflage Zürich: Müller Rüschlikon.
Lanata, A., Guidi, A., Valenza, G., Baragli, P., Scilingo, E.P. (2017) The role of nonlinear coupling in Human-Horse Interaction: A preliminary study. In: 39th Annual International Conference of the IEEE Engineering in Medicine and Biology Society (EMBC)
Lanata, A., Nardelli, M., Valenza, G., Baragli, P., D’Aniello, B., Alterisio, A., Scandurra, A., Semin, G.R., Scilingo, E.P. (2018) A Case for the Interspecies Transfer of Emotions: A Preliminary Investigation on How Humans Odors Modify Reactions of the Autonomic Nervous System in Horses. In: 40th Annual International Conference of the IEEE Engineering in Medicine and Biology Society (EMBC), 522-525.
Rischbieter, A. (2001) Der Einfluss von Klimafaktoren auf das Verhalten von Pferden in Gruppenhaltung. Staatsexamen. Med. Vet., Hannover.
Simonds,M.A, Meyer D.(2007)Stress bei Pferden erkennen und behandeln, 1.Auflage Stuttgart: Franckh Kosmos






