Und wenn es doch der Magen ist?

Haifi El Sorento - Foto: Waiditschka
Haifi El Sorento
Foto: Waiditschka

Haifi El Sorrento wurde am 20. Februar 2005 bei uns geboren. Er wuchs zusammen mit seiner Schwester Shakira und weiteren Vollblutarabern in einer großen Herde auf, hatte ein behütetes Leben mit viel Bewegung, großen Koppeln, hervorragender Fütterung und tierärztlicher Versorgung. Mit 9 Monaten wurde er mit möglichst wenig Stress abgesetzt. Doch leider musste er zwei Wochen später wegen einer Koppelverletzung am Sprunggelenk in der Klinik operiert werden. Dabei wurde er auch gleich kastriert. Nach der erfolgreichen OP stand leider vier Wochen Boxenruhe auf dem Programm und da fing vermutlich das „Übel“ an. Nach all den Erfahrungen würde ich so etwas heute ohne täglichen Magenschutz nie mehr machen. Aber damals dachte niemand daran und hinterher ist man bekanntermaßen immer schlauer.

Sorrento war zwar recht brav in seiner vergitterten Box, allerdings stand er natürlich sehr unter Stress. Die Zeit verging und das Bein ist bis heute in Ordnung. Als er knapp zwei Jahre alt war, versuchten wir, wie mit all unseren Jungpferden, spielerisch mit Bodenarbeit zu beginnen. Sorrento war völlig überfordert, verspannte sich total, schäumte oft schon nach 5 Minuten aus dem Maul und „versagte“ bei den leichtesten Übungen. Wir dachten, dass er halt ein Spätzünder ist und stellen ihn für ein weiteres Jahr auf die Koppel.

Dreijährig fingen wir dann wieder an, diesmal ging’s besser und beim Anreiten war er dann auch recht umgänglich. Allerdings fiel extrem auf, dass seine Konzentrationsfähigkeit auf ein absolutes Minimum beschränkt war. Außerdem hatte er starke Probleme, seine vier langen Beine zu sortieren.

Auch deshalb stürzte er leider zweimal innerhalb eines Jahres. Das hieß wieder Klinik, wieder Medikamente, wieder Stehen, wieder Stress und wieder….kein Magenschutz.

Als er dann 5-jährig war, fanden wir zum Glück eine Bereiterin, die einen sehr guten Draht zu ihm fand und durch ihr gefühlvolles Reiten auf hohem Niveau seine dressurliche Ausbildung übernahm.

Er hatte Tage, an denen er recht ruhig und entspannt war, dann reichte wieder ein kleiner Schreckmoment und er war während des gesamten Trainings nervös, angespannt, unkonzentriert, usw. Und wir dachten irgendwann unweigerlich: „Der ist halt so.“

Doch immer wieder kam der Gedanke: Und wenn es doch der Magen ist?

Erstaunlich war immer wieder, dass er auf Turnieren in der Regel ordentlich lief. Je mehr Pferde auf dem Abreiteplatz waren, umso entspannter war er. Auf manchen Turnierplätzen lief er super und brachte viele Schleifen mit nach Hause, auf anderen brauchte man schon gar nicht ins Viereck einzureiten.

Da wir in unserem Stall keine Reithalle haben, war er 6- und 7-jährig jeweils für mehrere Wochen im Wintertraining. Er lernte zwar viel, war rittig und durchlässig auf einem guten L-Niveau und zeigte dies auch 2012 erfolgreich auf Turnieren. Aber trotzdem sagte mir mein Bauchgefühl immer öfter, dass grundsätzlich etwas nicht stimmt: schreckhaft, kurzes Wegspringen, immer wieder unter Spannung, unruhiges in der Box Umherlaufen, immer auf „Halb-Acht-Stellung“ – so war er immer häufiger.

Und ich stellt mir erneut die Frage: Und wenn es doch der Magen ist?

Auffallend war auch Sorrentos extrem deutliche Mimik. Zudem dachten wir immer, dass er eine sehr kurze Maulspalte hat, denn anders kannten wir ihn gar nicht.

Im Oktober 2012, drei Wochen nach seinem letzten Turnier, bekam er leichtes Fieber, wurde sofort tierärztlich behandelt, stellte aber auch postwendend das Fressen und Trinken ein. Das Einzige, was er zu sich nahm, war etwas Gras auf der Koppel, wo er sich deutlich wohler fühlte als alleine in der Box. Ein paar Stunden später lag er auf der Koppel und knirschte immer wieder mit den Zähnen. Dann wirkten die Medikamente, es schien ihm besser zu gehen und er fing an zu fressen. Doch eine halbe Stunde später war wieder alles vorbei.

Unsere Tierärztin, die sehr viel Erfahrung mit magenkranken Pferden hat, behandelte nicht nur die leichte Infektion, sondern sofort auch den Magen mit Gastroguard. Und darauf reagiert er zum Glück. Zwei Wochen später entschlossen wir uns, dem vermeidlichen „Feind“ in die Augen zu sehen und machten – wohl wissend, dass auch die stundenlange Nulldiät für den Magen nicht gut ist – eine Gastroskopie. Das Ergebnis war zum Heulen, denn damit hätte niemand gerechnet.

Sorrento hatte viele und vor allem sehr große Magenschwüre, über mehrere Zentimeter offene und verkrustete Bereiche. Und das fast ausschließlich im unteren Bereich des Magens, der eigentlich gegen die Säure geschützt ist. In Anbetracht dessen, wie wenig Symptome er eigentlich gezeigt hat und wie korrekt und magenschonend unsere Fütterung sowie unsere gesamte Haltung ist, war ein solcher Befund umso unbegreiflicher und schockierender. Auf der bei 4 endenden Skala wurde er bei 3-4 eingestuft!

Und wie soll es nun weitergehen? Was machen wir jetzt? Was hat das Pferd für eine Zukunft? All diese Fragen gehen einem durch den Kopf und an den Schleifen, die im Flur hängen geht man nur noch mit Tränen in den Augen vorbei.

Aber den Kopf in den Sand zu stecken, ist nicht unsere Art. Nachdem wir den ersten Schock verdaut hatten, machten wir zusammen mit unserer Tierärztin einen Plan. Es wurde an allen möglichen Stellschrauben gedreht. Er bekam:

  • Eine Innenbox ohne Paddock, in der er sich sichtlich wohler fühlt, weil er die Herde nicht vor den „Gespenstern“ in Wald und Flur sichern muss.
  • Wie schon zuvor Heu und Gras immer zur freien Verfügung.
  • Nur Arbeit, die ihm Spaß macht wie Spaziergänge und Bodenarbeit und vor allem eine lange Winterpause auf der Koppel.
  • Magnoguard, schon während der noch laufenden Behandlung mit Gastroguard und bis heute noch dreimal täglich, was kein Problem ist, da er es wie Leckerlis liebt und pur frisst.
  • Kein Kraftfutter mehr, nur noch gelegentlich eine Handvoll getreidefreies Naturmüsli.

Und so kamen wir recht gut durch den Winter 2012/2013.

Sorrento veränderte sich sehr positiv. Er wurde ruhiger, gelassener und vor allem entspannter Plötzlich fiel uns auch auf, dass er doch ein ganz normales Maul hat. Er wurde in der Box viel ruhiger, konnte auch mal alleine entspannt in der Stallgasse stehen und wir hatten das Gefühl, dass es ihm gut geht. Aber war es wirklich so? Wie sieht sein Magen aus? Reicht das, was wir getan haben oder schlummert weiter eine tickende Zeitbombe in ihm?

All diese Fragen ließen uns keine Ruhe und wir entschlossen uns, trotz der Kosten und dem „Stress“, zur Kontrolle eine Gastroskopie im Stall zu machen. Und das war gut so. Denn dabei hat sich gezeigt: Sorrento war komplett geheilt und hatte einen Befund, mit dem wir niemals gerechnet hätten: Sein Magen sah aus, als hätte er noch nie ein Magengeschwüre gehabt!

Mit dieser Ausgangsbasis trauten wir uns auch wieder ganz langsam und mit viel Gefühl und Spürsinn ans Reiten heran. Das Programm lautete: erst wieder langsam aufbauen, viel ins Gelände, sehr vorausschauend reiten, dem Stress aus dem Weg gehen, immer Magnoguard in der Tasche. Wahrscheinlich wurden wir manchmal belächelt, aber das ist uns egal.

Im August 2013 war dann das Marbacher Araberturnier. Das Highlight für jeden reitenden Araberfan und das Turnier, auf das wir immer trainiert haben und das jedes Jahr der Höhepunkt sein sollte. Aber leider auch ein Turnier in der Marbacher Reithalle, in der sich Sorrento jedes Jahr mehr „gefürchtet“ hatte und dementsprechend schlecht gelaufen war. In diesem Jahr stellt wir uns dann die Frage: Vielleicht war es doch „nur“ der Magen?

Am Turniertag war wie immer der ganze Fanclub anwesend, alle waren sehr gespannt, wie er auf seinem ersten und einzigen Turnier 2013 laufen wird. Und er lief und lief und lief!

Von der ersten Prüfung an war er konzentriert, völlig entspannt, extrem rittig und sehr zufrieden. So zeigte er, was in ihm steckt. Er war das erfolgreichste Pferd auf dem Turnier und gewann unter zwei verschiedenen Reiterinnen die E-Dressur sowie die „berittene“ Schauklasse und wurde jeweils Zweiter in der A- und L-Dressur.

Was für ein Erfolg und was für eine Freude bei allen! Und was für eine Bestätigung für uns, dass es doch der kranke Magen war!

So ist Sorrentos „Geschichte“ zum Glück positiv ausgegangen. Wir kennen jetzt seinen Schwachpunkt und reagieren sofort, wenn’s nötig wird.

Aber viele Pferde haben nicht so viel Glück wie er. Bei vielen wird die Ursache leider nicht erkannt und bis man es ihnen eventuell ansieht oder merkt, wo es klemmt, ist es in den meisten Fällen viel zu spät.

Mit Sorrentos „Geschichte“ möchte ich deutlich machen, wie vielfältig und manchmal auch unscheinbar die Symptome für Magenprobleme sein können. Und dass auch viele Eigenschaften, die auf den Charakter geschoben werden, ihre Ursache im Magen haben können.

Viele denken jetzt vielleicht, dass dann ja jedes Pferd Magenprobleme haben muss. Sicher nicht, aber die Zahlen in den Statistiken müssen leider laufend korrigiert werden – erschreckender Weise nach oben!

Deshalb möchte ich allen ans Herz legen, auf den Magen ihrer Pferde zu achten und diese zu schützen. Wie Sorrentos „Geschichte“ zeigt, lohnt es sich. Denn jetzt haben wir ein entspanntes und talentiertes Pferd, mit dem das Reiten unendlich viel Spaß macht!

Ihre Edith Lipp

 

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