Freundschaft

Ob ein Leben gut ist oder schlecht, bestimmen nicht Geld, nicht Ruhm nicht Ehre noch Erfolg. Freundschaft und Vertrauen bestimmen das Lebensglück eines sozialen Wesens. Sicherheit und Geborgenheit im verlässlichen Miteinander, Leben in der Gemeinschaft, im Wahrnehmen der Einzigartigkeit der individuellen Persönlichkeit in Achtung und Respekt. Ehrlichkeit und Offenheit im Geben und im Nehmen, miteinander und voneinander lernen, Freundschaft ist Leben in Fülle und Bereicherung. Mit Freunden steigt die Zahl der Ohren, um mehr zu hören, der Augen, um die Welt farbiger und facettenreicher zu sehen, steigt die Fähigkeit zu riechen, zu tasten, zu fühlen, wahrzunehmen.

Freundschaft fordert und fördert. Freundschaft kennt die leise Sprache, den Wunsch zu hören und zu verstehen, das feine Gespür für kleine Gesten, den Wunsch nicht zu verletzen und Großmut im Verzeihen. Und Freundschaft kennt auch die Ausgelassenheit im Spiel, die Freude am Miteinander.

Ihr Pferde seid Experten in Sachen Freundschaft, es liegt an uns, eurer Einladung zu folgen oder darin zu verharren, euch zu benutzen, euch als beliebig austauschbare Sportgeräte misszuverstehen. An und mit euch Geld zu verdienen, Ruhm und Ehre nachzujagen, eingesperrt in die eiskalten Verliese unserer menschlichen Eitelkeit, mit ihren dicken Mauern, die keine Wärme durchlassen und deren kleine vergitterte Fenster keinen Blick auf die unendlich vielen Facetten eines reichen Lebens erlauben. Wir nehmen euch mit in dieses Verlies, in die Zelle neben uns, und ihr leidet mit uns geduldig und loyal ein einsames, freudloses Dasein. Dann haben zwar eure Augen den Blick für uns verloren, sehen durch uns hindurch, dennoch erfüllt ihr geduldig ohne Aufbegehren unsere Forderungen. Ihr habt dann aufgehört, auf Freundschaft zu hoffen, dennoch bleibt ihr uns treu, denn wir sind eure Herde. Keine Herde zu haben ist für euch nicht vorstellbar, also lebt ihr in dieser Herde ohne Freundschaft. Nicht gut, nicht schlecht, ihr wertet nicht, ihr lebt im Hier und Jetzt. Die Gruben über euren Augen, die Spannung eurer Lippen, die Haltung eures Körpers, all dies verrät euer Inneres, aber der Mensch muss sehen und hören können, ihr schreit nicht, eure Sprache ist leise, euer Wesen ist Sanftmut.

Ihr seid keine Denker wie wir Menschen, ihr sinnt nicht nach, wie ihr den anderen manipulieren oder übervorteilen könntet, ihr denkt euch allenfalls Spiele aus. Ihr denkt eher mit dem Herzen, völlig selbstverständlich fühlt ihr mit euren feinen Antennen die Empfindungen von fünfzehn Freunden gleichzeitig. Auch unsere, ihr wisst um jedes unserer Gefühle, wisst sofort um unsere Trauer, Müdigkeit, Gedankenlosigkeit, Enttäuschung, um unsere Wut, die ihr nie versteht weil euch manche unserer Gefühle fremd sind, ihr kennt sie nicht. Am liebsten spürt ihr unsere Freude, eine Emotion die ihr am besten versteht. Wir Menschen verbringen mitunter ein ganzes gemeinsames Leben und wissen dennoch kaum von den Gefühlen unseres Partners oder gar unserer Kinder. Werden überrascht von einem uns unerklärlichen Amoklauf, einem uns überraschenden Verrat, Betrug, Mord.

Ihr kennt keine Dominanz, ihr kennt nur Hierarchie. Ihr wählt euch eine Leitstute, die mütterlich für euer aller Wohl sorgt, vertraut und folgt ihr. Ihre wachen Sinne und ihre klugen Entscheidungen dienen euch, nicht ihrem Stolz. Sie braucht euch nicht zu drangsalieren, um zu dominieren und Macht zu demonstrieren, ihr folgt ihr freiwillig, weil sie euch Schutz und kluge Führung bietet. Ihr helft ihr und wacht, damit auch sie schlafen kann, ihr schützt sie im Falle eines Angriffs, indem ihr sie in die Mitte nehmt und mit eurem eigenen Körper vor dem Angreifer beschützt. Von euch ist niemand sich selbst der Nächste, ihr seid Freunde, auch und ganz besonders in Gefahr. Wir Menschen sind stolz auf unseren Intellekt, doch wie selten nutzen wir unseren Verstand, um uns die richtigen Fragen zu stellen? Sollte es nicht einfach sein für uns, zu begreifen, dass ihr notgedrungen sofort erkennt, wie schlecht wir hören, wie wenig wir sehen und wie lausig wir riechen können im Vergleich zu euch? Dass es für euch als sicherheitsbewusste Fluchtwesen ein Hochrisiko sein muss, ausgerechnet uns mit unseren eingeschränkten Sinnesorganen euer Leben anzuvertrauen? Unser Verstand jedoch reicht nicht aus, um zu begreifen, dass ihr uns durch euer Verhalten, durch ein Erschrecken, ein Verweigern nur auf eine Gefahr hinweist, die wir gehör- und geruchslose Blinde nicht wahrnehmen konnten.

Wir urteilen und meinen, ihr wolltet lediglich nicht gehorchen, weil Ungehorsam uns vertraut ist und machen „Dominanztraining“ mit euch. Wer ist der Herr, wer hat das Sagen? Wir stellen euch Fragen, die nicht die euren sind und maßen uns Urteile an, die uns das Recht geben zu strafen. Ist es unser Verstand, der uns im Wege steht, das mit euch zu üben, was unsere menschliche Gemeinschaft am dringendsten bräuchte: gelebtes Mitgefühl? Urteilslos die Bedürfnisse des anderen zu erkennen und weder in Mitleid zu versinken, noch über Notwendigkeiten hinwegzusehen, sich in der Freude mitzufreuen, bei Ängsten Schutz und kluge Führung zu bieten.

Was mag es für euch bedeuten, deren Körper immer noch dem Leben in der Freiheit angepasst und auf ständige Nahrungsaufnahme ausgerichtet ist, über Stunden zu hungern? Euch mit eurer feinen Nase, den sensiblen Lippen, die jeden Halm zuerst kontrollieren, bevor sie ihn aufnehmen, Futter anzubieten, das schlecht für euch ist? Das ihr nie essen würdet, wenn euch, unserer Obhut ausgeliefert, der Hunger nicht dazu zwingen würde. Und wenn ihr das Futter zögerlich fresst, so schließen wir daraus, ihr seiet satt und wir müssten euch morgen weniger davon geben. Wir bestimmen euer Miteinander oder eure Trennung. Unser Mitgefühl lässt uns Offenställe für euch bauen, damit ihr euch frei bewegen könnt, aber wir bestimmen, wer mit euch dort lebt und fragen nicht lange danach, ob ihr den für euch richtigen Platz in einer Herde findet, die wir bestimmen und immer wieder beliebig ändern. Trennung erscheint uns kein großes Problem. Wir sperren euch in eine Box, die kein Ausweichen zulässt, wenn euer ranghoher Nachbar euch zu weichen gebietet, allenfalls sorgen wir uns um seine Beine, wenn er gegen die Wand schlägt, packen sie hoch mit weichen Bandagen ein. Eure Seelen wären einfach zu befrieden, doch ihre Verletzung bleibt unbeachtet.

In freier Wildbahn würdet ihr euch dreißig mal und mehr am Tag wälzen, es fällt uns schwer darauf zu achten, was euch wichtig ist. Wir sorgen für euch, das gibt uns das Recht, von euch zu verlangen, was uns wichtig ist. Ihr bemüht euch, uns zu verstehen und unsere Wünsche zu erfüllen. Wenn ihr euch irrt, wenn ihr verzweifelt, weil ihr unsere Befehle nicht versteht, dann nehmen wir uns das Recht, euch zu strafen. Miteinander spielen, Spaß mit Freunden zu haben, nur wenige von uns vermögen die Arbeit mit euch in Spiel und Spaß zu verwandeln, sich zu fragen, ob ihr Spaß dabei habt und die Arbeit mit euch so zu gestalten, dass ihr Spaß habt, stolz werdet. Wie schön könnt ihr passagieren, wenn ihr Spaß habt, wir hätten das doch oft genug gesehen um zu wissen, dass Spaß und Freude nicht nur schöner ist, sondern auch schöner macht. Für uns Menschen ist Arbeit oft ungeliebte Plage und ein Muss, vielleicht können wir deshalb nicht verstehen, dass ihr gerne mit uns arbeitet, euch Arbeit keine Plage, kein Muss, sondern Spaß ist. So übersehen wir in unserem menschlichen Sein nur allzu gern, dass eure Widersetzlichkeit ausnahmslos ein Hilferuf ist, Zeichen körperlicher oder seelische Nöte, die ihr uns mitteilt. Warum nur unterstellen wir euch Wesenszüge und Verhaltensweisen, die euch fremd sind, wie List, Faulheit, Tricksereien und Betrug? Wir beschimpfen oder prügeln unseren zweibeinigen Tanzpartner doch auch nicht, wenn er, von Blähbauch geplagt, nicht Rock´n´ Roll tanzen möchte. Oder wenn drückende Schuhe, ein blockierter Wirbel oder simple Zahnschmerzen ihn daran hindern, den Tango mit dem von uns erwarteten Schwung und der erwünschten Leichtigkeit zu tanzen. Unser Mittänzer hat den Vorteil, uns seine Beschwerden in unserer Sprache mitteilen zu können. Ihr teilt euch auch mit, aber in eurer Sprache, die nur wenige von uns lernen wollen. Dabei wäre es auch unsere eigene, denn auch wir sind soziale Wesen. Aus dieser Erkenntnis der gemeinsamen Sozialkompetenz werden Geschäfte gemacht, wir benutzen euch für Managerseminare, die teuer bezahlt werden. Nur allzu ehrlich dürft ihr den zahlenden Erfolgsmenschen auch nicht mitteilen, wie es wirklich um ihre Führungskompetenz bestellt ist. Deshalb müsst ihr eine Ausbildung durchlaufen, die euch auf die Aktion selbst des eitelsten Egoisten die erwünschte Reaktion abspulen lässt. Die menschliche Eitelkeit könnte es nicht ertragen, wenn ihr euch umdrehen würdet und statt dem „toughen guy“ aus der Chefetage zu folgen, grasen oder zu euren Pferdefreunden ginget. Menschen schmeicheln gerne der Eitelkeit, verbrämen Unaufrichtigkeit als Höflichkeit. Es wäre nicht nötig, denn auch wir Menschen brauchen als Basis des Vertrauens Wahrheit und Aufrichtigkeit im Miteinander. Doch schätzen wir Ehrlichkeit nicht immer, wir wollen Bestätigung unseres Seins. So soll der Manager durch eure Reaktion bestätigt werden, bekommt keine Chance zu erfahren, ob ihr ihm folgt weil ihr darauf konditioniert seid, oder ob aus freiem Willen, Vertrauen und Freundschaft heraus. Eine verpasste Chance eine unvergessliche, prägende Erfahrung machen zu dürfen.